
Der Medienwandel von der Handschrift zum gedruckten Buch beeinflusst nicht nur die Rezeption, sondern auch die Produktion von Literatur. Neue Akteure und Herstellungsprozesse treten auf den Plan, das gespannt lauschende Publikum entwickelt sich zunehmend zur Käufer- und Leserschaft. Doch in der Umbruchzeit zwischen spätem Mittelalter und früher Neuzeit verändern sich nicht nur Medium und Material, es vollzieht sich auch ein Wandel im Erzählen: Der anonyme frühneuhochdeutsche Prosaroman 'Fortunatus' (Erstdruck 1509), der erste seiner Art ohne direkte Vorlage, soll im Lektürekurs exemplarisch für den Aufbruch in eine Literatur stehen, der Figuren Gedanken an eine persönliche Zukunft ermöglicht und einige Verfahren modern(er)en Erzählens bereits anklingen lässt, obwohl die Tradition des Mittelalters noch stark präsent bleibt. Der ‚histori‘ genannte Roman von Aufstieg und Niedergang einer Familie beginnt mit der Geschichte von Fortunatus, der von der Glücksgöttin Fortuna mit einem zauberhaften Geldbeutel ausgestattet, auf Weltreise fährt, auf der er sich nicht bloß auf sein Glück verlassen kann, da Neid, Intrigen, Gewalt und auch Geldmangel immer in Sichtweite bleiben.
Das Seminar wird neben der Lektüre die Untersuchung und den Vergleich verschiedener Auszüge aus Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts, die zunehmende Digitalisierung der Forschung thematisieren. So sind auf frühe Drucke bezogene Rechercheinstrumente wie spezialisierte Datenbanken, der Umgang mit Digitalisaten und die Diskussion und Reflexion neuer technischer Optionen der Digital Humanities begleitende Themen, so beispielsweise die automatische Texterkennung. Da die (halb-)automatische Texterkennung von (digitalisierten) Frühdrucken lange Zeit an den unterschiedlichen Drucktypen, komplexen und variierenden Layoutstrukturen sowie Erhaltungszuständen des eingescannten Materials scheiterten, hat es große Fortschritte erst in jüngster Zeit gegeben. Sie verspricht die verbesserte technische Unterstützung bestehender als auch die Ermöglichung ganz neuer Forschungsansätze, die im Seminar reflektiert und an ausgewählten Beispielen in Werkstattcharakter erprobt werden sollen.
Integraler Bestandteil des Moduls ist der Workshop „Digital Humanities in der germanistischen Mediävistik. Erschließung – Analyse – Vermittlung“ am Samstag, den 03.12.2022.
- Dozent/in: Birte Jensen