Der Wechsel ästhetischer Formationen stellt ein faszinierendes Phänomen dar – mit der Veränderung eines ästhetischen Codes wandelt sich nicht nur der Geschmack, sondern entsteht ein neues (Selbst-)Bild des Menschen, der Gesellschaft und Natur. Für die Kulturen Osteuropas war der Übergang vom Klassizismus zur Romantik und ihre Krise von besonderer Bedeutung, erlangten sie erst in dieser Epoche ihre unverwechselbare Stimme und europäische Sichtbarkeit. Zugleich stand diese Periode in Osteuropa im Zeichen gravierender politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen – der Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution, den Napoleonischen Kriegen, der Restauration, der Industrialisierung sowie Erfindung nationaler Gemeinschaften.

Der romantische Genie-Kult, der den „überflüssigen” Menschen hervorbrachte, sowie die zeitgenössischen Revolutionsbewegungen stießen dennoch gerade in Osteuropa schnell an ihre Grenzen, die durch politische und kulturelle Verwerfungen in der Region bestimmt wurden. Nach dem Wiener Kongress mussten sich die Kulturschaffenden in Russland, Polen und in der Ukraine auf lange Zeiten politischer Reaktion einstellen und die aus dem Westen empfangenen ästhetischen und politischen Ideale einer gründlichen Revision unterziehen. Diese auf den ersten Blick unüberwindbaren Schwierigkeiten führten allerdings nicht nur zur Entstehung eines neuen ästhetischen Paradigmas, sondern auch zur Wiederentdeckung der gesellschaftskritischen Funktion der Literatur und ihres Subjekts – des „kleinen” Menschen.

In einer vergleichenden Lektüre werden wir zunächst die zentralen Phänomene der Romantik in der russischen, polnischen und ukrainischen Kultur kennenlernen und den Aufbruch zu einer neuen Ästhetik des Realismus verfolgen. Die konstitutive Bedeutung dieser Epoche für die jeweiligen Nationalkulturen und Gesellschaften macht ihn für das Verstehen der Gegenwart und Zukunft in Osteuropa unentbehrlich.