"Wer eine Erzählung 'wahr' nennt, beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich" (V. Nabokov)
Zeitgenössische Definitionsversuche von Literatur sind ohne das Paradigma des Fiktionalen nicht denkbar, das auch zentrale Aspekte der russischen Literaturgeschichte berührt. Im Seminar wollen wir das wechselvolle Zusammenspiel von Fakten und Fiktion sowie seine vielfältigen Deutungen im Laufe der Zeit untersuchen und in einen Zusammenhang mit Gattungstendenzen im Wandel der Epochen rücken. Unser Gang durch die Literaturgeschichte setzt ein mit den Fiktionalitätsherausforderungen durch Heiligenlegenden und Ikonenerzählungen. Besondere Aufmerksamkeit erfahren im Grenzbereich von Mündlichem und Schriftlichem "agierende" Formen, die Spuren von Mythen und Märchen nutzen, um neue Narrative auszuformen. Sie verweisen vor auf dokumentarisch kaschierte, fiktional überhöhte Povesti und Romane im 18. und 19. Jahrhundert. Auch ein Blick auf hybride Formen, mit denen zeitgenössische Autor*innen auf medial konstruierte Pseudowirklichkeiten reagieren, soll nicht fehlen. J. Baudrillards Konzept von der allumfassenden Simulation, in der der tagtäglich zelebrierte Faktencheck zur rituellen Handlung mutiert, komplettiert das literaturwissenschaftliche Spektrum des Seminars. Kamera und Mikrofon sind Voraussetzungen zur Teilnahme im Falle von Onlineunterricht.
Literatur:
Klauk, T., Köppe, T. 2014: Fiktionalität. Ein interdisziplinäres Handbuch. Berlin. 39
Warning, R. 1983: Der inszenierte Diskurs. Bemerkungen zur pragmatischen Relation der Fiktion. In: Henrich, D., Iser, W. (Hgg.): Funktionen des Fiktiven. München, S. 183-206.
Zipfel, F. 2001: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität. Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. Berlin.