Alle Kulturen sind dynamisch, vielschichtig und hybrid und speisen sich aus verschiedenen Traditionen. Das gilt nicht zuletzt für die ostslawischen Kulturen, die im Laufe der Geschichte wichtige Ausdifferenzierungen erfahren haben. Das russländische Reich ging aus verschiedenen Fürstentümern hervor, die beginnend mit dem 14. Jh. vor allem unter Ivan IV. und Peter I. zentralisiert wurden. Weitere Regionen wurden im Laufe der Zeit erobert und kolonisiert. Gebiete der heutigen Ukraine gehörten zu Russland, zu Polen-Litauen oder auch zum Habsburger Reich. Das Krim- Khanat im Süden befand sich unter osmanischer Herrschaft. Im 18. und vor allem 19. Jahrhundert wuchs in Europa das Interesse an relativ homogenen Nationalstaaten. Kulturen und Staaten sowie einzeln Gruppen in ihnen boten Identitätsofferten an. Fest im kollektiven Unbewussten verankert, werden diese bis heute genutzt, ergänzt und auch umgeformt, wenn es darum geht, existenziell bedrohliche Zusammenhänge zu bewältigen.

Im Seminar wollen wir wichtige Episoden der ostslawischen und russländischen Geschichte in den Blick nehmen und die in Deutungen zu Tage tretenden Auto- und Heterostereotypen und ihre Funktion für die Identitätskonstruktionen genauer betrachten. Neben der "Nestorchronik" und dem "Väterbuch des Kiever Höhlenklosters" sollen A.M. Kurbskijs Briefwechsel mit Ivan IV. sowie die Zeit der Wirren untersucht werden. Damals kam es, wie auch unter Ivan Michajlovic und Peter I., zu Grenzüberschreitungen und Kulturwechseln, die als Befreiung oder als Verrat, selten aber als Zeichen eines Neuen, "Dritten", gedeutet wurden.

Indem das Seminar in ästhetisch und politisch brisanten Text- und Bildzeugnissen gespeicherte Selbstfindungsprozesse nachzeichnet und wissenschaftlich kommentiert, sollen in den gegenwärtigen publizistischen Debatten zu beobachtende Komplexitätsreduktionen unterlaufen und gemeinsame Erfahrungs- und Sinnhorizonte erkennbar gemacht werden.