Die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts wie zwei Weltkriege, Holocaust und der stalinistische Massenterror spielten eine wichtige Rolle bei der Neuorientierung der Geisteswissenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie führten nicht nur zu einer Revision der europäischen Kultur und Philosophie, sondern auch zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit gegenüber den Zeugnissen dieser Erschütterungen, seien sie autobiographischer oder fiktionaler Natur. Während das Gewaltpotenzial der Moderne zu einem zentralen Ausgangspunkt der postmodernen Philosophie wurde, widmeten sich die Kulturwissenschaften zunehmend den Repräsentationen und der Narrativisierung der grauenhaften Episoden der europäischen Geschichte. Besonders das Hinscheiden der Zeugengeneration und die Bedeutung dieser Narrative für die kollektive Identitätsstiftung machte die memory studies zu einem boomenden Forschungsbereich. Lange richtete sich aber die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Überlebensberichte und die Literatur aus dem Westen. Dabei war gerade Zentral- und Osteuropa aufgrund der Überlagerung totalitärer Regimes und des Holocaust (bloodlands) besonders betroffen. In unserem Seminar lesen wir einerseits die bekanntesten autobiographischen und fiktionalen Zeugnisse der Gewalterfahrungen in Polen, Russland und in der Ukraine. Andererseits versuchen wir gerade angesichts der monströsen Faktizität der Ereignisse die ästhetischen Strategien zu identifizieren, die das Unfassbare und das Spezifische fassbar machen und erkunden zusammen die Grenzen des Darstellbaren.