Seit der Begründung der Literaturwissenschaft durch Plato und Aristoteles stehen die Gefühle in deren Mittelpunkt. Es war die antike Tragödie, der wir die Idee der katharsis, einer seelischen Läuterung als Effekt der Kunstwahrnehmung, verdanken, und die sentimentale Literatur des 18. Jahrhunderts begriff sich selbst als eine „Schule des Herzens” – eine Übung der Einfühlung. Die Literatur gilt traditionell als Medium, das uns tiefe Einblicke in fremdes und eigenes Seelenleben, in seine Abgründe, Konflikte und Überlebensstrategien vermittelt. Seit der Krise der „psychologischen Schule” schien sich die Disziplin jedoch mehr für die Evolution der literarischen Formen, für das Intellektuelle und Reflektierende denn das Emotionale zu interessieren. Das (unsichere) Terrain der Gefühlsforschung wurde lieber der Psychologie, den Neurowissenschaften, der Psychoanalyse oder der Philosophie überlassen. Dennoch erlebt das Interesse am Zusammenhang zwischen Literatur und Emotion momentan einen bemerkenswerten Aufschwung, der bereits den Namen eines eigenen Forschungsparadigmas, der „affektiven Wende” (affective turn) bekommen hat. Bemerkenswerterweise waren es die Entdeckungen in den Naturwissenschaften, vor allem in der Neurobiologie und Neuropsychologie, die zur entsprechenden Neupositionierung der Literatur- und Kulturwissenschaften, zu einem Neudenken des Verhältnisses zwischen Körper, Seele und Kultur führten. In unserem Seminar werden wir am Beispiel der slawischen Literaturen der Moderne diverse Ausdrucksformen der Gefühle bzw. Pathosformeln in Literatur und Film untersuchen. Dabei wird es um die Frage gehen, wie unsere Gefühle in der Kultur, vor allem seit den großen ästhetischen Experimenten und Umbrüchen der Moderne immer wieder neukonditioniert und mit gesellschaftlichen Themen und Narrativen verknüpft werden.